Remy Eyssen: erfolgreicher Krimi-Autor. Foto: Ullstein

Mit Remy Eyssen in die „dunkle Provence“

7. November 2020 | 0 Kommentare

Der 65-jährige Münchener schreibt sehr erfolgreich Krimis, die im verträumten Küstenort Le Lavandou spielen. Sein Hauptdarsteller ist ein Rechtsmediziner mit deutschen Wurzeln, der auch gerne mal auf eigene Faust ermittelt.

Das beschauliche Le Lavandou, zwischen dem flippigen Saint-Tropez und der touristisch aufstrebenden Marinestadt Toulon gelegen, ist seit einigen Jahren Schauplatz grausamer Verbrechen. Serienmörder und Psychopathen treiben dort ihr Unwesen. Aber dank des Rechtsmediziners Leon Ritter, der die Fälle quasi auf dem Seziertisch löst und bei seinen nicht ganz legalen Ermittlungen immer wieder in bedrohliche Situationen gerät, kommt die Polizei den Tätern auf die Spur. Die Morde bleiben allerdings als traurige Bilanz in der Statistik.

Le Lavandou ist in den Sommermonaten recht touristisch geworden. Foto: Remy Eyssen

Also machen wir lieber einen großen Bogen um das hübsche Küstenstädtchen mit rund 6000 Einwohnern, in dem vor Jahren noch die Fischer den Tagesrhythmus bestimmten. Nein, keinesfalls. Denn die schaurigen Mordgeschichten erzählt uns Remy Eyssen in seinen Krimis. Da hat auch Bürgermeister Gil Bernardi sicher nichts dagegen, erhält der Badeort doch so eine größere Popularität. Denn für viele Touristen sind Romane, deren Handlungen an schönen Ferienorten spielen auch kleine Reiseführer. So versuchen sie, den Olivenhändler auf dem Markt zu entdecken, das kleine Bistro, die Polizeiwache, den Tatort oder die Straße ins Hinterland. „Jede Flasche Wein, die ich erwähne, gibt es da auch irgendwo“, sagt Eyssen.

Die Wahl des Schauplatzes ist kein Zufall

Im Jahr 2014 schrieb der gebürtige Frankfurter, der jetzt in München lebt, seinen ersten Lavandou-Krimi. Zuvor verfasste der Kommunikationswissenschaftler und Journalist Drehbücher für so bekannte TV-Serien wie „Rosenheim-Cops“, „Der Staatsanwalt“ oder „Ein Fall für zwei“ und andere. „Ich wollte diesen Satz – wo waren sie am Abend des … – nie wieder schreiben“, begründet Remy Eyssen kurz und knapp seine Entscheidung, sich der Kriminalliteratur zuzuwenden. Dass er als Schauplatz die Côte d’Azur wählte, war natürlich kein Zufall.

Denn in Lavandou besitzt seine Familie ein kleines Haus, das der frankophile Vater vererbt hat. „Ich war als Kind schon da verwurzelt, wo die Krimis spielen. Denn in den Ferien ging es immer mit dem Auto von Frankfurt in die Provence. Unsere Mutter war sehr kunstinteressiert. An jeder Kirche, an jedem Museum wurde halt gemacht. So haben wir Kinder viel kennen gelernt und gelernt“, erzählt Remy Eyssen.

Eine Idylle am Mittelmeer: der kleine Badeort Le Lavandou. Foto: Remy Eyssen

Veränderung vom Fischerdorf zum Touristenort

Er hat die Veränderung des Fischerdorfes am Fuß des Massif des Maures zum heutigen Touristenort miterlebt. „Als Kinder sind wir am Strand immer über die Netze der Fischer gelaufen, was Ärger gegeben hat“, erinnert sich Eyssen, der Lavandou noch genauso liebt wie in Kindertagen. „Es ist nicht so mondän, wie zum Beispiel Saint-Tropez, und immer noch etwas kuschelig. Ich beschreibe Lavandou so ein bisschen wie in den 90er Jahren. Heute ist der Ort etwas weniger charmant. Es gibt längst auch ein neues und modernes Kommissariat.“

Das Hinterland mit dem schönen Dorf Bormes-les-Mimosas, das in seinen Mord-Geschichten immer wieder vorkommt, der üppigen mediterranen Vegetation, den Weinreben und Olivenbäumen übt auf Eyssen große Anziehung aus. Orte, Wege und Straßen, die er dort in all den Jahren erkundet hat, beschreibt er in seinen Romanen.

Und dort oben liegt die „dunkle Provence“: alte Gemäuer, tiefe Keller, verlassene Stollen. Schauplätze des Verbrechens. „Wenn wir wieder runter zum Strand gehen, den Sand und das Meerwasser unter den Füßen spüren, und die Sonne scheint, dann sind wir wieder im Licht“, sagt Remy Eyssen, der seinen Protagonisten Leon Ritter genau das tun lässt, um düstere Stimmung zu vertreiben.

Remy Eyssen Foto: privat

“Ich wollte eine Person, die sensibel ist”

Herr Eyssen, wie sind die auf die Idee gekommen, statt eines Kommissars einen Rechtsmediziner zur Hauptfigur zu machen?

„Die Medizin hat mich schon immer interessiert. In München lernte ich eine Rechtsmedizinerin kennen, die den Chef der Mordkommission geheiratet hat. In einem Bistro in Lavandou traf ich einen Rechtsmediziner aus Schottland, der dort im Rahmen eines Austausches tätig war.“

So also ist die Figur Leon Ritter entstanden?

„Ja. Und ich wollte eine Person, die sensibel ist. Leon Ritter sieht die Toten wie seine Patienten. Der Obduktionsraum ist seine Praxis. Damit seine Erkenntnisse auch legal zu Ermittlungserfolgen führen, habe ich eine Kommissarin zu seiner Lebensgefährtin gemacht.“

Die Verbrechen, die Sie erzählen, sind besonders brutal, schreckliche Sachen und gruselig. Woher kommen die Plots für diese Geschichten?

„Während meiner journalistischen Tätigkeit als Gerichtsreporter habe ich Verbrechen andeutungsweise miterlebt und erfahren, dass Bösewichte nicht aussehen wie Bösewichte. Den Romanen liegt eine gewisse Realität zu Grunde.“

Sie beschreiben die medizinischen Details sehr genau. Haben Sie schon einmal eine Obduktion miterlebt?

„Keine komplette. Um keine fachlichen Fehler zu machen, führe ich viele Gespräche mit Rechtsmedizinern und Ärzten. Außerdem habe ich Fachbücher mit blutigen Bildern, die ich selbst kaum ansehen kann.“

Wird Leon Ritter einen weiteren Fall in Lavandou aufklären?

„Ja. Ich bin literarisch sozusagen gerade beim Showdown.“

Die Leser werden noch bis zum nächsten Frühjahr auf den siebten Fall von Leon Ritter warten müssen. Erschienen sind bei www.ullstein-buchverlage.de

  • Tödlicher Lavendel
  • Schwarzer Lavendel
  • Gefährlicher Lavendel
  • Das Grab unter Zedern
  • Mörderisches Lavandou
  • Dunkles Lavandou

Info

Le Lavandou ist erst seit 1913 eine eigenständige Gemeinde. Der Badeort gehörte bis dahin zu Bormes-les-Mimosas. Heute ist das einstige Fischerdorf ein beliebtes Ferienziel mit einem zwölf Kilometer langen Sandstrand und verträumten Buchten. Die Qualität des Meerwassers ist sehr gut. Berühmt ist der Blumen-Korso im März, wenn der Frühling in Südfrankreich Einzug hält.

Der Name Le Lavandou hat übrigens nichts mit Lavendel zu tun, wie man aufgrund der Schreibweise und Aussprache annehmen könnte. Der provenzalische Dichter und Nobelpreisträger Frédéric Mistral leitet den Namen von dem Wort „lavoir“, was übersetzt Waschhaus heißt, ab. Info: www.ot-lelavandou.fr

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