Grasse im Hinterland der Côte d'Azur: Welthauptstadt des Parfüms.

Jasmin und Mairose für den berühmtesten Duft der Welt

17. August 2026 | 0 Kommentare

In Grasse begann im Mittelalter die Geschichte der flüchtigen Wohlgerüche. Ernest Beaux kreierte 1921 für Coco Chanel das legendäre Chanel N°5. Das Haus Fragonard erlaubt einem Blick hinter die Kulissen der Herstellung der kostbaren Parfüms.

Es ist Mitte Juni. Die erste Hitzewelle überschwemmt den Süden Frankreichs mit Temperaturen von über vierzig Grad. Dennoch bleiben wir bei unserem Vorhaben, die Welthauptstadt des Parfüms zu erkunden, glauben, am frühen Morgen einen guten Zeitpunkt zu erwischen. Der erste Irrtum: Angekommen in Grasse – zwanzig Kilometer nördlich von Cannes an der Côte d’Azur im Département Alpes-Maritimes – herrscht ein beträchtliches Verkehrschaos. Die Parkplatzsuche erweist sich als reines Geduldsspiel. In den Straßen und Gassen der Altstadt hängt der Gestank der Abgase von Autos und Motorrollern. Menschliche Ausdünstungen, da wo sich touristische Gruppen stauen, verbreiten Muff. Der zweite Irrtum: Parfümierte Altstadtgassen – wie gängige Reiseführer behaupten – sind pure Höflichkeit. Tatsächlich durchziehen Gerüche von Pizza, billigem Gebäck und abgestandenem Kaffee das mittelalterliche Konglomerat der Häuser. Der erste Eindruck von Grasse: zumindest irritierend.

Grenouille sah mit sehr nüchternem Blick auf die Stadt Grasse. Er suchte kein gelobtes Land der Parfümerie, und ihm ging das Herz nicht auf … Er war gekommen, weil er wußte, daß es dort einige Techniken der Duftgewinnung besser zu lernen gab als anderswo. So schreibt Patrick Süskind in seinem Weltbestseller Das Parfüm. Wir wollen ein wenig hinter die Kulissen der Parfümherstellung blicken. Denn in Grasse haben einige der kostbarsten Düfte der Welt ihren Ursprung, wie das berühmteste Parfüm, Chanel N°5. Unter den drei großen Herstellern Fragonard, Molinard und Galimard, die alle samt in Grasse produzieren, haben wir uns für Fragonard entschieden.

Fragonard – Der Zauber des Parfüms

Gegründet wurde das Parfümhaus 1926 von Eugène Fuchs, einem Notar aus Saint-Chamond gut fünfzig Kilometer südwestlich von Lyon. Er sei vom Zauber des Parfüms tief beeindruckt gewesen, ist in seiner Biographie des Hauses Fragonard nachzulesen. Mit der Wahl des Namens ehrt Fuchs den Hofmaler von Louis XV. Jean-Honoré Fragonard (1732-1806), Sohn eines Handschuhmachers und Parfümeurs aus Grasse. Gleichzeitig stellt er damit die Verbindung seiner Fabrik mit der Stadt her. In den 1920er Jahren ist die Côte d’Azur ein Tummelplatz von Künstlern aller Genres und wohlhabenden Menschen, besonders aus Amerika. Gerne unternehmen sie einen Ausflug nach Grasse, um sich teure Parfüms zu kaufen. Eugène Fuchs hat eine geniale Idee. Er gewährt seinen Kunden eine kostenlose Werksführung mit anschließendem Direktverkauf – bis heute ein Erfolgsrezept.

Im Gebäude der historischen Parfümfabrik, eine ehemalige Gerberei aus dem 18. Jahrhundert, gewährt die Besichtigung Einblicke in die Herstellung von Parfüm und Seifen. Der Besucher lernt die traditionellen, alten Extraktionstechniken, also die Gewinnung der hochwertigen ätherischen Öle aus frischen Blüten, kennen und schaut in die laufende Produktion, das Abfüllen und Etikettieren der Aluminiumflakons. In den hochmodernen Werkshallen südlich der Altstadt, der Blumenfabrik, werden die aktuellen Prozesse der Parfüm- und Seifenerstellung präsentiert. Dort ist auch das Labor untergebracht. Im Dorf Eze oberhalb von Monaco unterhält Fragonard sein drittes Werk, in dem Körperpflegeprodukte entwickelt und gefertigt werden. Die Düfte von Fragonard, bis heute ein Familienunternehmen, werden von verschiedenen Parfümeuren – Nasen – kreiert. Weltweit gibt es geschätzt zwischen 500 und 2000 dieser außergewöhnlichen Talente – die Duftkünstler.

Beginn im Mittelalter

Die Geschichte des Parfüms in Grasse beginnt im Mittelalter. Der Apotheker Francesco Tombarelli begann 1580 in seinem Labor, Düfte zu kreieren, und legte so den Grundstein für die Parfümindustrie in der südfranzösischen Kleinstadt. Um 1600 war es Mode, Handschuhe zu parfümieren, um den beißenden Geruch des Leders zu kaschieren. Zunächst wurden die Duftstoffe aus den Blüten destilliert, ab dem 17. Jahrhundert wurden die ätherischen Öle extrahiert. Orangenblüten und Jasmin waren die hauptsächlichen Pflanzen aus denen die Aromen gewonnen wurden. Große Blumenplantagen wurden rund um Grasse angelegt. So konnten die empfindlichen Blüten nach der Ernte schnell weiterverarbeitet werden.

Heute gibt es kaum mehr Blumenfelder rund um die Welthauptstadt des Parfüms. Fragonard und Co. importieren die Rohstoffe zunehmend aus Billiganbauländern wie der Türkei, Marokko, Bulgarien und Indien. Und immer häufiger werden künstlich erzeugte Aromen zur Herstellung von Parfüms verwendet. Eine Ausnahme wird es aber wohl immer geben.

Das legendäre Chanel N°5

Das legendäre Parfüm Chanel N°5 eroberte 1921 von Grasse in der Provence aus die Welt. Geschaffen vom russisch-französischen Parfümeur Ernest Beaux, vermarktet von der Mode-Ikone Gabrielle „Coco“ Chanel in Paris. Die ersten hundert Flakons aus Grasse schenkte sie ihren Kundinnen zu Weihnachten. Von da an breitete sich der Duft mit der Herznote Mairose und Jasmin rund um dem Globus aus. Weltweit, sagt das Modehaus Chanel, wird alle dreißig Sekunden ein Fläschchen Chanel N°5 verkauft. Und in jedem davon steckt das Absolue, die reinste und intensivste Form des Duftstoffs, der Mairose und des Jasmins aus Grasse.

In den vergangenen Jahrzehnten gaben immer mehr Blumenproduzenten ihre Felder auf, weil die Kosten zu hoch und die Gewinne zu gering wurden. Da war es deutlich lukrativer, die Grundstücke zu Höchstpreisen zu verkaufen. Wo einst Blumenteppiche aus Rosen, Jasmin, Iris und Lavendel die Landschaft überzogen, stehen heute Luxusvillen mit Swimmingpools. Doch in der kleinen Gemeinde Pégomas, einige Kilometer südlich von Grasse, blüht es auf dreißig Hektar wie eh und je. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts gehört der Grund und Boden der Familie Mul. Hier wachsen heute ausschließlich Pflanzen für die Herstellung von Parfüm, ausschließlich für das Haus Chanel. In den 1980er Jahren schloss Joseph Mul, dessen beide Töchter und Enkelin die Familientradition des Blumenanbaus mit ihm weiterführen, einen exklusiven Vertrag mit Chanel. „Ich bin in die Welt des Parfüms hineingeboren“, sagte Mul der britischen Tageszeitung The Observer in einem Interview. Und man könne Jasmin aus Grasse nicht gegen eine billigere Art aus Übersee für Chanel N°5 austauschen. Den Unterschied würde der Kunde merken. Per Hand und nur zu einer bestimmten Zeit am frühen Morgen werden Mairose im Mai und der empfindliche Jasmin zwischen August und Oktober geerntet. Rund 3,5 Tonnen Blüten werden für die Extraktion eines Liters ätherischen Öls benötigt, das vor Ort gewonnen wird.

Zurück in der Altstadt von Grasse erholen wir uns im Museumscafé bei Pastis und Rosé von einem anstrengenden Tag. Wir machen noch einmal einen kleinen Bummel durch die Gassen, die auch am Nachmittag nicht parfümiert sind. Gleichwohl nehmen unsere Nasen vor den Türen der zahlreichen Fragonard-Boutiquen mit Mode, Accessoires und Düften den Zauber des Parfüms wahr.

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