Wie ein Gemälde: der Blick vom Klostergarten Saint-André nach Avignon.

Der Klostergarten von Saint-André lebt sein ganz eigenes Leben

25. Juli 2021 | 0 Kommentare

In Villeneuve-lès-Avignon, am rechten Ufer der Rhône, verbirgt sich hinter den dicken Mauern der Festung Saint-André eine Abtei mit einem wundervollen Garten, der weitestgehend sich selbst überlassen ist. Seit 1916 ist dieser außergewöhnliche und unter Denkmalschutz stehende Ort im Familienbesitz.

Zugegeben: Die Abtei Saint-André zu erreichen ist nicht so ganz einfach. Die etwas mühevolle Auffahrt lohnt sich aber. Steht der Besucher auf dem 68 Meter hohen Mont Andaon endlich vor den wuchtigen Mauern der Festung Fort Saint-André ist er überwältigt. Über uralte holprige Pflastersteine führt der Weg in die ehemalige Verteidigungsanlage, in deren Innern sich das Kloster mit seinem herrlichen Garten befindet.

Das Fort Saint-André.

Wir werden von den Besitzern Marie und Gustave Viennet herzlich empfangen. Sie begleiten uns auf dem Spaziergang durch die Terrassengärten, die zu den schönsten Frankreichs gehören. Über die Rhône hinweg schweift der Blick hinüber nach Avignon mit dem Papstpalast, die Alpilles, den Luberon mit dem Mont Ventoux und die Dentelles de Montmirail. „Die ganze Provence“, sagt Gustave Viennet und streckt die Arme aus, so als wolle er das Land in sie einschließen. Und dann entschuldigt er sich sogar dafür, dass die Sicht heute nicht ganz so klar ist.

Marie und Gustave Viennet.

Der Italienische und der Mediterrane Garten

Unser Rundgang führt uns durch zwei verschiedene Gärten, den Italienischen und den Mediterranen. Der untere, der Italienische, wurde im 17. und 18. Jahrhundert angelegt, in großen Teilen – wie die Abtei – jedoch während der Französischen Revolution zerstört. Elsa Koeberlé und Génia Lioubow, in deren Besitz sich das Kloster von 1916 bis 1950 befand, haben den Garten nach alten Plänen rekonstruiert – filigran und verspielt. In zwei steinernen Wasserbecken spiegeln sich das herrschaftliche Anwesen und die prächtigen Pflanzen, die sich gegenseitig umschlingen oder an Mauerwerken festkrallen. Was wir faszinierend finden, mag Gustave Viennet nicht so gerne. „Das sieht gut aus, aber wir müssen aufpassen, dass sich Bäume und Sträucher nicht gegenseitig erdrücken oder sich ins Mauerwerk vorarbeiten.“

Ein vollendetes Kunstwerk, das sich selbst erschafft

Runde steinerne Tische, Skulpturen, dazwischen Beete verschiedenster Rosensorten, Lorbeer, Glyzinien und der pink bis tiefrosa blühende Judasbaum machen den Italienischen Garten zu einem vollendeten Kunstwerk. Ein Gemälde, in dem sich Farben mischen, Übergänge fließend sind und keine Gärtnerhand Pflanzen, die sich vorwitzig auf die Wege vortasten, beschneidet und wieder zurückdrängt.

„Wir überlassen den Garten sich selbst“, erklärt uns Gustave Viennet. „Wir haben voll auf biologisch umgestellt. Wir wollen nicht mit Pflanzenschutz- und Düngemitteln arbeiten, sondern das natürliche Wachsen und Innehalten der Flora zulassen.“ Dafür bedanken sich nicht nur die Pflanzen, sondern auch Menschen und Tiere. Diese Philosophie ist aber auch eine Herausforderung.

Pflanzen sind intelligente Wesen

Denn: „Die meisten Besucher kommen im Sommer hierher, wenn der Garten nicht wirklich blüht. Viele Gäste sind sogar ziemlich enttäuscht, weil es vertrocknet und ungepflegt aussieht“, berichtet Gustave Viennet und erklärt auch uns, warum das so ist. „Im trockenen Sommer des Südens ist es den Pflanzen zu heiß und sie verschwenden keine Energie für Wachstum und Blüte. Sie sind intelligent. Also macht der Garten dicht, um sich selbst zu schützen. Erst im Herbst, wenn die Temperaturen fallen und auch der Regen kommt, blüht alles wieder richtig auf. Nach dem Frühling im April und Mai ist das dann die zweite Blüte.“ Wir sind erstaunt und dennoch überrascht, wie viel Blühendes wir trotzdem sehen. Wie schön muss es hier erst im Frühjahr und Herbst sein.

Jahrhunderte alte Olivenbäume

Wir setzen unseren Spaziergang fort und steigen in den oberen, den Mediterranen Garten, hoch. Auf der Spitze des Mont Andaon steht die kleine Kapelle zum Andenken an die Einsiedlerin Casarie. Ohne ihr Leben hier oben wäre die Abtei Saint-André wohl niemals entstanden. Die Wege hier sind schmal und steinig, erinnern – wie die Vegetation – an die Steilküste der Côte d’Azur. „Auch hier lassen wir die Natur ganz in Ruhe“, sagt Viennet. Jahrhunderte alte Olivenbäume, Kakteen und zahlreiche Pflanzen, die nur im Mittelmeerraum vorkommen, haben die Herrschaft übernommen. „Sie erwecken die alten Steine einer der größten Klosteranlagen Südfrankreichs zum Leben“ heißt es auf der Homepage der Abtei. Gustave Viennet und sein Gärtner haben hier auch so eine Art Versuchslabor eingerichtet. Heißt: Sie pflanzen typisch mediterrane Spezies an und warten ab, ob sie Fuß fassen – ganz ohne menschliche Hilfe.

Am Ende des Rundgangs haben wir viel gelernt über biologischen Gartenbau und Gartenarchitektur. Wir haben einiges über die Geschichte der Abtei Saint-André im gleichnamigen Fort erfahren, den großartigen Blick auf die Provence genossen und die unvergleichlichen Düfte des Midi aufgesogen. Der Besuch des Klostergartens ist ein Erlebnis – auch im Sommer.

Aus der Einsiedelei wurde ein Benediktinerkloster

Die Geschichte der Abbaye Saint-André reicht bis ins 6. Jahrhundert zurück. Die Eremitin Casarie lebte auf dem Hügel zurückgezogen in einer Grotte zum Beten und Meditieren. Wo sie begraben wurde, steht eine kleine Kapelle. Aus der Einsiedelei wurde ein Benediktinerkloster. Am 3. September 1792 wurde der religiöse Ort während der Französischen Revolution entweiht und in ein Militärhospital umgewandelt, später weitgehend zerstört.

Die Kapelle und das Grab von Casarie.

Erst durch Elsa Koeberlé erwachte der Ort mit seiner wechselvollen Geschichte wieder zu neuem Leben. Die Schriftstellerin aus Straßburg entdeckte die Abtei 1915, nachdem sie das Elsass kurz vor der Besetzung durch die Deutschen verlassen hatte. 1916 traf sie Gustave Fayet, Maler und Sammler bedeutender Werke von van Gogh, Gauguin und Redon, der ihr das Geld für den Kauf der Abtei lieh. Als Elsa Koeberlé nach dem Krieg wieder Zugriff auf ihr von den Deutschen beschlagnahmtes Vermögen hatte, zahlte sie Fayet den Kaufpreis zurück. Zusammen mit der Schriftstellerin und Malerin Génia Lioubow widmete sie sich ganz dem Wiederaufbau und der Restaurierung der Gebäude und Gärten. Nach Koeberlés Tod 1950 erbte Roseline Bacou, Enkelin von Gustave Fayet, das Anwesen mit der Verpflichtung, es zu erhalten. 1990 öffnete sie die Gärten für Besucher. Seit 2013 ist die Familie Viennet Besitzer des Abbaye Saint-André.

Info
  • Im Kloster und auch im Fort finden ganzjährig Ausstellungen und kulturelle Veranstaltungen statt. Verschiedene Workshops werden angeboten. Besucher können den Klostergarten allein erkunden oder ein Führung buchen. Alles Wissenswerte auf www.abbayesaintandre.com

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