Matthias Wimmer baut in Eygalières am Fuße der Alpilles erfolgreich Wein an.

Das ewige Blau, die Sonne, der Mistral und der Rosé

1. Oktober 2020 | 2 Kommentare

„Savoir vivre“ – in Frankreich weiß der Mensch zu leben und genießen, in der Provence ganz besonders. Zog das magische Licht einst berühmte Maler in den Süden der Grande Nation, so sind es heute die weltbesten Roséweine, die Weinliebhaber in diese traumhafte Region locken.

Eygalières. Der Rosé gehört zur Provence wie das ewige Blau des Himmels, die Sonne und der heimtückische Wind, der die Kraft hat, in wenigen Minuten ganze Rebflächen dem Erdboden gleichzumachen und an der Küste die Boote aufs Meer hinauszutreiben. 90 Prozent des in dieser Region auf rund 30.000 Hektar angebauten Weins ist einfach pink. Rund 3000 Sonnenstunden im Jahr, wasserdurchlässige, steinige Böden, das heiße und trockene Klima sowie der kalte Mistral aus dem Norden, der Rebstöcke und Weinberge gesund hält, sind ideale Voraussetzungen für den Weinbau.

Das weiß auch Matthias Wimmer, der seit 20 Jahren zu Füßen des Kalksteinmassivs der Alpilles zwischen Eygalières und Saint-Rémy-de-Provence auf mittlerweile 34 Hektar Wein anbaut – abgefüllt in 120.000 bis 140.000 Flaschen pro Jahr. Der 62-jährige gebürtige Essener ist Önologe auf der Domaine d’Eole. Sein Credo: Qualität statt Ertrag. Seine Spitzenprodukte haben längst weltweit ihre Fans gefunden. In vielen Restaurants der Region sind seine Weine auf den Karten zu finden. Ganz aktuell zeigt das in diesem Jahr mit einem Michelin-Stern ausgezeichnete Restaurant de Tourrel in Saint-Remy-de-Provence Interesse an Wimmers biologischen Erzeugnissen.

„Die Domaine d’Eole ist kein Traum … sie kreiert große Weine, die die Magie der von der Sonne und vom Mistral gefegten Alpilles zum Ausdruck bringen“ heißt es auf der Homepage des Weingutes. „Frisch, mit elegantem Duft nach roten Früchten und ausgewogen am Gaumen“, so beschreiben Kritiker Wimmers Rosé. Das freut den Weinmacher, der in den 1990er Jahren das Studium der Önologie in Montpellier als einer der Besten seines Jahrgang abschloss.

Roséweine liegen seit Jahren im Trend, vermitteln ein Gefühl von Leichtigkeit und Lebensfreude. Ob das so bleibt? Matthias Wimmer ist vorsichtig: „Das kann sich schnell ändern. Deswegen bleiben wir bei 50 Prozent Rosé, 35 Prozent Rot- und 15 Prozent Weißwein. Was 2020 wird, da wagt Wimmer keine Prognose. „Dieses Jahr fing schlecht an. Wir stehen noch ganz gut da und sehen es gelassen“, sagt er in Anbetracht der Corona-Pandemie.

Großer Schaden durch Corona-Pandemie

Auch, wenn der Süden Frankreichs zu Beginn der Pandemie von dem neuen Virus so gut wie nicht heimgesucht wurde, verzeichnen die Winzer enorme Einbußen. „In den ersten zwei Monaten haben wir 50 Prozent weniger verkauft. Dann zog das Online-Geschäft etwas an“, berichtet Matthias Wimmer. Seine Frau Marion Schwarz schildert: „Das war allerdings sehr problematisch, denn die Spediteure, die normalerweise für uns arbeiten, wurden vom Staat für den Transport von Atemschutzmasken abgezogen. Bei anderen Spediteuren hatten wir viel Bruch oder der Wein kam gar nicht beim Kunden an.“

Marion Schwarz und Matthias Wimmer leben und arbeiten in der Provence.

Während des „lockdowns“ war die Flaschenabfüllung nicht mehr möglich. Denn wie jede kleinere bis mittelgroße Domaine verfügt auch d’Eole nicht über eine eigene Abfüllanlage, sondern mietet eine transportable, auf einem Spezialfahrzeug installierte. „Diese Lkw durften nicht mehr eingesetzt werden“, sagt Wimmer und erläutert die harten Konsequenzen: „Da Rosé des Jahrgang 2019 nur in diesem Jahr verkauft werden kann, haben wir den Wein im Tankwagen an Großhändler veräußert. Auf dem Flaschenetikett steht dann allerdings nicht mehr die Domaine.“ Fazit: Der finanzielle Verlust ist hoch. Tröstlich ist, dass Wimmers Wein nicht zu Desinfektionsmitteln wurde, so wie der von einigen Großwinzern, die in erster Linie Massenprodukte erzeugen.

Weiß- und Rotweine lassen sich auch in den kommenden Jahren gut verkaufen, vor allem die, die im Barrique ausgebaut werden. „Dennoch, im Moment ist die Lage sehr unübersichtlich. Wir werden wohl auch den einen oder anderen Kunden verlieren“, bleibt Matthias Wimmer mit Blick auf den Jahrgang 2020 zurückhaltend.

Die großen Stahltanks im Cave, dem Keller, sind inzwischen wieder gefüllt, die Lese ist so gut wie abgeschlossen. Frostschäden im Frühjahr reduzieren allerdings den Ertrag. „Wir sind nicht in Gefahr“, sagt das Winzer-Ehepaar mit den Wurzeln im Ruhrgebiet zuversichtlich und stößt mit uns mit einem Glas Rosé an. Wir verabschieden uns und hoffen, dass das Virus sich bald genauso schnell verflüchtigt wie die weiße Staubwolke, die unserer Auto auf der Kalksteinpiste zwischen den Rebflächen aufwirbelt. „A bientôt – bis bald“.

Von Essen-Borbeck nach Eygalières

Matthias Wimmer kommt aus Essen-Borbeck und zog Ende der 1980er-Jahre mit seiner Familie nach Südfrankreich, um seine Vorstellung von gutem Wein zu verwirklichen. Als Ruhrgebietler machte er eine eindrucksvolle Karriere als Winzer, die selbst den verwöhnten Provence-Bewohnern Respekt abnötigt. Der Weg dorthin war kein leichter. Als Sohn der bekannten Essener Verleger-Familie Wimmer hätte er sicher eine Karriere im Verlagswesen machen können. Doch Matthias Wimmer und seine Ehefrau Marion Schwarz, beide sind Diplom-Pädagogen, zog es mit ihren beiden Kindern gen Süden, raus aus der Routine. „Wir hatten keine Lust auf eine Arbeitslosenkarriere“, begründet der heute 62-Jährige den harten Schnitt und wagte den Sprung ins kalte Wasser.

Fast schon an der Grenze zu Spanien, an der Universität in Montpellier, legte Wimmer als einer der Besten das Weinbau-Diplom ab, was ihm die Hochachtung der Kommilitonen und Dozenten einbrachte. Denn es war kein Winzersohn aus der Provence oder dem Burgund, der da brillierte, sondern ein Mann aus dem Ruhrpott mit hoher Affinität zum Wein. Diese hatte er als Mitarbeiter von Jacques’ Weindepot in Mülheim verfeinert. „Ich war älter als die anderen, hatte schon einen Beruf und war deshalb disziplinierter. Das hat mir geholfen“, blickt Matthias Wimmer zurück. Als hilfreich erwies sich das gute Examen auch bei der Suche nach einer passenden Domaine. Ein Pariser Hotelier-Ehepaar, dem das Weingut gehörte, wurde auf den großen Blonden aus Essen aufmerksam und vertraute ihm 1993 die Domaine d’Eole, die nach dem griechischen Windgott Äolus benannt ist, an.

Info

  • Frankreich ist nach Italien der zweitgrößte Weinerzeuger auf der Welt. Sein Anteil an der Weltproduktion liegt bei 20 Prozent. 2019 stellte Italien 47,5 Millionen Hektoliter Wein her, Frankreich 42,1 Millionen Hektoliter.
  • Domaine d’Eole, Chemin des Pilons, 13810 Eygalières, Tel. +33 4 90 95 93 70.
    www.domainedeole.com (täglich geöffnet, Verkostung).
  • Auf der D 99 zwischen St. Rémy und Plan d’Organ auf die D 24 abbiegen und Richtung Eygalières fahren. Nach ca. zwei Kilometern rechts abbiegen, dann rechts Richtung Domaine (Schild) fahren.

2 Kommentare

  1. Sehr schön detailliert beschrieben, macht Lust auf mehr.

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  2. Frau Lukassen, ist eine tolle Sache, die sie hier beschrieben haben. Freue mich auf weitere Information über Frankreich 👍😁

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