Das Rauschen des Meeres im Ohr und den Sommer literarisch genießen.

Der literarische Sommer in Frankreichs Süden

2. Juni 2026 | 0 Kommentare

Die Endlosigkeit der Zeit und das Bekennen zur Wahrheit. Das tiefe Eintauchen in die Vergangenheit von Tätern und Opfern. Entspanntes Krimi-Feeling und Urlaubsromantik. Von der Schönheit und Unberührtheit der Provence.

Nachdem Christiane Adlung unter ihrem Pseudonym Josephine Nicolas mit Tage mit Gatsby und Das Haus am Meeresufer zwei historische Romane geschrieben hat, wechselt sie mit Sommerrauschen in die Gegenwartsliteratur. Auch der Schauplatz ist ein neuer: Nicht mehr die Côte d’Azur ist die Kulisse, sondern die südfranzösische Atlantikküste im Médoc. Judith und Natascha begegneten sich als junge Mädchen in den Ferien, trafen sich in jedem August. Freundinnen, die glaubten, sich mit siebzehn annähernd ein Leben lang zu kennen, ohne Geheimnisse. Doch es kommt zur Trennung. Nach vierzig Jahren treffen sie sich wieder – an gleicher Stelle, wieder im August. Die Vergangenheit wird zum heute und jetzt. Ein starker, gefühlvoller Roman. Ein überraschender Schlusspunkt, der nicht wirklich einer ist. „Psychologische Tiefe und ein Ende, das zur Diskussion anregt, Möglichkeiten offen lässt“, nennt Christiane Adlung wesentliche Bausteine der Geschichte, die rein fiktiv ist. Damals und heute wechseln sich ab. So wie die Wellen auf den Strand rauschen und sich wieder zurückziehen.

Foto: Irène Zandel

„Diese Lebensgefühl, diese Endlosigkeit der Zeit wollte ich ausdrücken. So wie ich es als Austauschschülerin dort erlebt habe.“ Wie viel Christiane steckt im Roman? „Sowohl in Judith als auch in Natascha, die ein wenig geheimnisvoll bleibt, steckt etwas von mir.“ In der Handlung geht es um nicht ausgesprochene Wahrheiten. Das jahrelange Schweigen führt bei allen Beteiligten zu psychischen Belastungen, ruft Konflikte hervor. „Ja. Mir war es ganz wichtig, diese Wahrheiten Schicht für Schicht aufzudecken. Die Bildhauerei von Judith, Schicht für Schicht entsteht etwas. Die langsam verfallenden Ferienhäuser, Schicht für Schicht geht es in die Tiefe. Es sind Metaphern in diesem Prozess“, erklärt Adlung. Am Ende fällt die marode Gartenpforte endlich zu Boden, öffnet das Tor zur Wahrheit. Eine atmosphärisch dichte Erzählung – „tragisch vorangetrieben“ so Adlung. Ein Roman, der den Sommer mit jeder Zeile spüren, das Rauschen des Meeres, das Singen des Windes hören lässt. Sommerrauschen, ab 16. Juni bei Dumont.

Cay Rademacher traut sich was! Nachdem Capitaine Roger Blanc zwölf spektakuläre Verbrechen mit seinem Team der Polizeistation in Gadet aufgeklärt hat, ist er nun einer neuen Einheit in Salon-de-Provence zugeteilt und wird dort alte Fälle neu aufrollen, versuchen, die Täter jahrelang zurückliegender Gewalttaten zu ermitteln. Cold Cases zu lösen sind also Blancs neue Aufgabe – und so wie wir Rademacher kennen, werden sie zur Passion des engagierten Kriminalbeamten. Fortan gibt es für Blanc keine frischen Tatorte mehr, keine hektischen Polizisten, keine Spuren zu sichern. Die Frage an die Rechtsmedizin, können sie schon was zum Tatzeitpunkt sagen, bleibt aus. Roger Blanc taucht tief in die Vergangenheit von Tätern und Opfern ein. Seine Arbeitsweise ändert sich. Auch sein Team ist in Teilen neu aufgestellt.

„Ich wollte etwas Neues machen“, erklärt Rademacher. Ein Wagnis ist es allemal, „denn die agierenden Personen sind inzwischen Freunde meiner Leser und auch mir geworden. Ist der eine oder andere plötzlich nicht mehr da, ist das schon ein Einschnitt“. Doch der Autor bleibt gelassen: „Das Publikum ist mir wohl gesonnen, und die ersten Reaktionen auf den neuen Krimi sind positiv.“ Ein spannendes und neues Krimi-Genre und dazu noch ganz aktuell. Erst seit 2022 gibt es in Frankreich diese Spezialeinheit, die sich ausschließlich mit Cold Cases befasst. „Es gibt viele ungelöste Fälle in Frankreich. Nach ständig öffentlicher Diskussion wurde dann nach dem Vorbild der USA diese Abteilung geschaffen. In Deutschland gibt es dazu übrigens keine Entsprechung“, erläutert Rademacher, der seit Jahren mit seiner französischen Frau und den Kindern bei Salon-de-Provence lebt.

In seinem ersten Krimi der neuen Art, Bedrohliche Alpilles, geht es um eine Familie, die auf einem entlegenen Parkplatz in den Alpilles in ihrem Auto nahezu vollständig ausgelöscht wurde. Auch ein Radfahrer, der scheinbar nichts mit den Opfern zu tun hatte, starb. Ein Fall, der sich vor Jahren in den französischen Alpen in Nähe der Schweizer Grenze zugetragen hat. „Davon habe ich mich inspirieren lassen. Der Tatort im Krimi ist in der Provence, die Personen sind fiktiv. Am Ende gibt es einen Täter, der in der Realität nicht existiert, denn der Fall wurde bis heute nicht aufgeklärt“, sagt Rademacher, der bereits am zweiten Cold Case schreibt. Bedrohliche Alpilles, gerade erschienen bei Dumont.

Isabelle Bonnet, Madame le Commissaire, im beschaulichen Provence-Örtchen Fragolin nahe Saint-Tropez, muss keine personellen Veränderungen verkraften. Mit ihrem Assistenten Apollinaire nimmt sie als Kommissarin der Police nationale die Ermittlungen in ganz speziellen Fällen auf, Aufgaben die ihr von ihrem Chef in Paris, Maurice Balancourt vom Innenministerium, übertragen werden. Die Angelegenheiten sind oft heikel, verlangen höchste Diskretion. In ihrem 13. Fall wird Isabelle als Personenschützerin für die Frau eines Ministers, die an einer Oldtimer-Rallye teilnehmen wird, abkommandiert. Doch die anfängliche Freude der Liebhaberin von schnellen Autos und Motorrädern, währt kurz. Isabelle ist nur als Beifahrerin der Minister-Gattin, die eine Morddrohung erhalten hat, vorgesehen. Die Rallye führt von Avignon über den Mont Ventoux nach Gordes und hinunter zur Küste. Gleich am Aufstieg zum Giganten der Provence kann Isabelle Bonnet ihrer Schutzbefohlenen das Leben retten. Doch wenig später stirbt ein anderer Teilnehmer der Tour.

Pierre Martin, dessen wahrer Name weiterhin ein streng gehütetes Geheimnis des Verlages ist, nimmt den Leser einmal mehr mit in wunderschöne Orte der Provence und verbindet Krimi-Feeling mit Urlaubsromantik. Madame le Commissaire und die tödliche Rallye gerade erschienen im Knaur Verlag.

Giono ist sicherlich einer der bedeutendsten Schriftsteller in Frankreich. Am 30. März 1895 in Manosque geboren und am 8. Oktober 1970 ebenda gestorben, hat er seine Heimat so gut wie nie verlassen. Er war Soldat im Ersten Weltkrieg, reiste je einmal nach Paris und Italien, war Filialdirektor einer Bank, las die Werke der großen Literaten, fing an zu schreiben und wird in einem Atemzug mit den beiden anderen großen Provenzalen Frédéric Mistral (1830-1914) und Marcel Pagnol (1895-1974) genannt. Jean Giono lebte zurückgezogen, liebte die Natur und das einfache Leben. Seine Zuneigung und Leidenschaft für die Provence spiegelt sich in jeder Zeile seines Werkes Provence mit Texten aus den 1930er- bis 1960er-Jahren, erschienen 2024 im Verlag Matthes & Seitz Berlin, übersetzt von Siglind Schüle-Ehrenthal (Originalausgabe 1993 Editions Gallimard Paris).

Jean Giono beschreibt die Provence in ihrer mannigfaltigen Schönheit, eine Schönheit und Unberührtheit, die es zu erhalten gilt, gleichwohl er weiß, dass das nicht passieren wird. Er erkennt früh, dass der Mensch in die Natur eingreifen, ihr schaden wird, und übt Kritik. Mit klaren und starken Worten, die den Leser zum Nachdenken zwingen. Er verteufelt das Automobil und fordert Reiserouten für niedrige Geschwindigkeit … von Verbindungswegen, die einem vergönnen, ein Land kennenzulernen, statt es so geschwind zu durchsausen, wie der Pfeil den Apfel durchbohrt. Giono gewährt dem Leser tiefe Einblicke in die Provence, die er so in keinem Reiseführer finden wird. Bei seinen Beschreibungen von Dörfern und Landschaften spüren wir die Sonne auf der Haut, den Mistral in den Haaren, hören das Plätschern der Flüsse und Bäche, das Summen der Insekten und genießen die Ruhe im Wald oder am Ufer der Durance. Giono erzählt von den Seelen der Orte. Seelen, die der Reisende abseits der touristischen Routen auch heute noch entdecken kann – so er will. Giono zwingt den Leser zum Innehalten, zum Zurückblättern, zum ein zweites Mal lesen. Wer die Provence und ihre Menschen verstehen will, kommt an Jean Gionos Provence nicht vorbei. Sein bester Rat: Nur schauen, nichts anderes sollte man tun. Nicht fotografieren, so was bringt gar nichts. Still stehenbleiben und dem Wind zuhören. Das ist alles.

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