Die Einfahrt in den alten Hafen von Marseille. Foto: OTCM

Marseille – auf diese Stadt muss man sich einlassen

6. März 2021 | 2 Kommentare

Die zweitgrößte Stadt Frankreichs wird ihr gefährliches und kriminelles Image nicht los. Dennoch entdecken immer mehr Touristen die multikulturelle und lebensfrohe Metropole. Die Bouillabaisse avancierte vom einfachen Essen der Fischer zum kulinarischen Genuss.

Marseille: Mafia, Drogen, Hafenmilieu, Einwanderer, Tod auf offener Straße. Der Ruf ist belastet. Polizei und Staat bekommen das Verbrechen nur schwer in den Griff. Die Stadt mit durchschnittlich mehr als 2700 Sonnenstunden im Jahr hat ihre Schattenseiten. Große soziale Unterschiede und hohe Arbeitslosigkeit besonders bei jungen Menschen fordern kriminelles Handeln geradezu heraus. In die nördlichen, von unansehnlichen Hochhauswohnblocks geprägten Stadtquartiere, sollte der Reisende besser keinen Fuß setzen.

Marseille zu mögen heißt, sich auf die Stadt einzulassen. Wahrheit und Vorurteile vermischen sich in diesem Schmelztiegel der Kulturen. Mehr als jeder zweite Einwohner soll einen Migrationshintergrund haben. Wie viele Menschen hier illegal leben, weiß niemand. Denn es gibt in ganz Frankreich keine Meldepflicht. Die Stromrechnung der EDF ist oft einziger Existenznachweis.

Und dennoch: Marseille sprüht vor Lebenslust. Also schauen wir auf die Sonnenseite dieser faszinierenden Metropole mit Großstadtflair, Hafenidylle und Zukunftsperspektiven. 1997 war ich zum ersten Mal hier und ganz ehrlich: Ich wusste, ich komme wieder – immer wieder. Ich bin gerne hier, sehe eine positive Entwicklung und genieße diese besondere Atmosphäre, die man nicht beschreiben, sondern nur spüren, fühlen kann. Und ja: Im Hinterkopf bleibt das Wissen um das gefährliche Marseille. Aber wo ist die Welt schon vollkommen? Haben wir nicht das Recht, das Unschöne zumindest für eine gewisse Zeit hinter einer Nebelwand verschwinden zu lassen, ohne es dabei zu ignorieren? Ja, haben wir!

Die Marseille-Trilogie

Keiner hat die Dissonanzen in Marseille besser beschrieben wie Jean-Claude Izzo in seiner weltberühmten Marseille-Trilogie (Total Cheops, 1995, Chourmo, 1996, und Solea, 1998). Der Schriftsteller und Journalist wurde 1945 in Marseille geboren und starb 2000 ebenda – an Lungenkrebs. Doch hält sich das Gerücht, dass seine Recherchen nicht jedem gefallen haben sollen. Weit mehr als zwei Millionen Mal wurde die Trilogie, übersetzt in viele Sprachen, bisher verkauft.

Idylle mitten in der Großstadt: Le Panier. Foto: OTCM

Auch wenn Izzos Held, Kommissar Fabio Montale, vor der Jahrtausendwende gegen das Verbrechen mit seinen mafiösen Strukturen kämpft, dieser Background hat sich bis heute nicht wirklich verändert. Für Montale ist es oftmals ein Kampf gegen Windmühlen, und dennoch bleibt ihm Zeit, das „savoir-vivre“ in Marseille zu finden: in seinem kleinen Strandhaus, im Boot auf dem Meer, bei Tisch, im aufkommenden Mistral, mit den Aromen des Midi in der Nase oder den sich längst in der Stadt eingenisteten arabischen Düften.

Montales Ermittlungen beginnen an einem Tatort auf der Rue des Cartiers im Le Panier, der Altstadt, dem ältesten Viertel von Marseille. Der ursprüngliche Stadtkern vermittelt noch heute dörfliche Idylle. Schmale Gassen, steile Stufen, restaurierte Häuser, kleine Plätze, Läden, Galerien und Bistros bilden eine Ruhezone mitten in der Großstadt. Nehmen Sie Platz in einer kleinen Bar und versuchen Sie, die Atmosphäre bei einem Pastis zu spüren. Ganz in der Nähe befindet sich das Hôtel Dieu, ein Prachtbau aus dem 18. Jahrhundert, in dem das erste Krankenhaus der Stadt untergebracht war. Heute ist er ein Luxushotel mit spektakulärer Aussicht auf die Stadt und den Alten Hafen. Genießen Sie diese auf der sonnenbeschienenen Terrasse bei einem Apéritif.

Täglicher Fischmarkt und Luxus-Yachten im Vieux Port

Runter zum Alten Hafen, dem Vieux Port, der schönste Ort in Marseille. Entstanden in der Antike war er bis Mitte des 19. Jahrhunderts das wirtschaftliche Zentrum für den Seehandel im Mittelmeer und mit den französischen Kolonien. Dann reichte der Tiefgang von sechs Metern für Ozeandampfer mit großer Tonnage nicht mehr aus. Heute ist das bis in die Innenstadt hineinreichende Becken Yacht- und Fischerei-Hafen. Jeden morgen laden die Fischer am Quai de la Fraternité ihren Fang aus und verkaufen direkt ab Boot. Den Markt sollte man sich nicht entgehen lassen.

Für 3500 Yachten bis zu 90 Metern Länge bietet der Vieux Port Liegeplätze. Sehen und gesehen werden, so lautet auch hier wie in St. Tropez das Motto. Der Jetset, junge Leute, Kultur- und Geschichtsinteressierte, Kreuzfahrttouristen und Reisende aus aller Herren Länder geben sich ein Stelldichein und machen zusammen mit den Marseillais aus dem Vieux Port einen heiteren und multikulturellen Treffpunkt. Auf den Kaimauern sitzen junge Menschen und genießen die Sonne oder schauen in den Sternenhimmel. In den zahlreichen Fischrestaurants rund ums Hafenbecken ist es am Abend oft schwer, ohne Reservierung einen Tisch zu bekommen.

Lord Norman Foster und der Graf von Monte Christo

Wie ein Magnet zieht das 1000 Quadratmeter große Stahldach mit verspiegelter Unterseite gegenüber dem Anleger der Frioul-Fähren die Menschen an. Der überdimensionierte Pavillon des geadelten Londoner Star-Architekten Norman Foster ist seit dem Kulturhauptstadtjahr 2013 ein Wahrzeichen von Marseille, besonders für den Vieux Port, der seit 2002 zum Weltkulturerbe zählt. Die sechs Meter hohen Stützen und die Paneele wurden vom Essener Thyssenkrupp Konzern angefertigt.

Die Navette du Frioul verbinden Marseille in knapp 20 Minuten mindestens einmal pro Stunde mit den vorgelagerten Inseln. Die vier winzigen und autofreien Eilande bieten Natur, Wind und Sonne sowie einen tollen Blick auf die Stadt, besonders wenn man wieder in den Hafen einfährt. Dieser Ausflug – am besten mit Badezeug – sollte zum Programm gehören. Besichtigt werden kann auch die Insel mit der Festung Chateau d’If, bis Mitte des 16. Jahrhunderts ein Gefängnis. Dort verortete Alexandre Dumas einen Teil seines Romans „Der Graf von Monte Christo“.

Das verspiegelte Stahldach von Norman Foster vor dem Anleger der Frioul-Fähren. Foto: OTCM

Im Vieux Port sucht das Auge übrigens vergeblich das Meer. Die Aussicht verstellen zum Glück keine überdimensionierten Kreuzfahrtschiffe. Deren Terminal liegt – den Stadtplanern sei Dank – gut sechs Kilometer entfernt. Das Meer zeigt sich erst an der Hafeneinfahrt mit der Festungsruine Place d’Armes. Dort zieht auch der futuristische Bau des Mucem, dem Museum der Zivilisationen Europas, die Aufmerksamkeit auf sich (Sehenswürdigkeiten: „Das Mucem – markante Architektur am Alten Hafen“).

Traumhafte Aussichten über das blaue Meer bietet eine Fahrt auf der Corniche Kennedy. Die Wellen brechen sich an der Steilküste, es gibt kleine Strände und Badebuchten sowie zahlreiche gute Restaurants – am Abend Romantik pur. Fahren Sie weiter auf der Corniche, dann erreichen Sie Les Goudes und sind wieder auf Kommissar Fabio Montales Spuren. Dort stand sein Strandhaus direkt am azurblauen Meer.

Bouillabaisse und Le Miramar

Der Genuss einer Bouillabaisse, der traditionellen Fischsuppe, mit Blick auf die Yachten im Vieux Port oder auf das Mittelmeer, ist unerlässlich. Es sei denn: Sie verabscheuen Fisch. Was einst ein einfaches Mahl der Fischer war, die den nicht verkauften Fang zu einem Eintopf verkochten, ist heute eine teure Delikatesse. Das erste Rezept schrieb der Koch Jourdan Lecointe in seinem Kochbuch „La cuisine de santé“ 1790 nieder. Heute wird die Bouillabaisse in vielen Varianten serviert.

Die Bouillabaisse. Foto: OTCM

Ihre traditionelle Zubereitung haben in den 1980er Jahren Marseiller Köche in einer „Charta“ festgeschrieben. Die Bouillabaisse muss aus mindestens vier Sorten Fisch, Steinfischen aus dem Mittelmeer vor Ort, bestehen: Drachenkopf, Meeraal, Seeteufel und Knurrhahn. Des weiteren kommen hinzu Peterfisch, Wolfsbarsch und Rotbarbe sowie Muscheln und Garnelen. Safran, Fenchel, Olivenöl und Knoblauch dürfen nicht fehlen. Aufgetragen wird in zwei Gängen: zunächst der Sud mit Brot und scharfer Knoblauch-Mayonnaise (Rouille), dann der gegarte Fisch mit Kartoffeln. Mein Tipp: das Restaurant „Le Miramar“ im Vieux Port.

Die Zukunft: Europort Marseille – Port-de-Fos

Der Europort, der autonome Hafen von Marseille, sind die Kreuzfahrt- und Fähr-Terminals am Quai de la Joliette sowie der Container- und Erdölhafen in Fos-sur-Mer gut 50 Kilometer nordwestlich. Steigendes Passagieraufkommen und zunehmender Warenumschlag bugsierten den Europort Marseille an die Pole-Position der französischen Häfen vor Le Havre. Gemessen am Container- und Rohöl-Umschlag nimmt er in Europa den vierten Rang ein. Über die südeuropäische Ölpipeline wird zum Beispiel die Raffinerie in Karlsruhe versorgt. Der Besuch des Container- und Ölhafens fällt unter „special interest“ (Infos www.marseille-port.fr). Führt die Reise von Marseille aus weiter in die Camargue, vermittelt die Route über die A 55 Richtung Fos-sur-Mer einen interessanten Eindruck vom Industriegebiet mit seinen großen Süßwasserbecken, den „étang“.

Bei einem Spaziergang vom Mucem aus den Quai de la Joliette entlang entdeckt der Reisende das moderne Marseille. Hier entsteht eine lebendige Waterfront mit Büros, Geschäften, schicken Bars und Restaurants mit Meerblick.

Das Wahrzeichen: Notre-Dame-de-la-Garde.

Zum guten Schluss

Der Besuch der Basilika Notre-Dame-de-la-Garde auf einem 160 Meter hohen Hügel ist ein Muss. Die vergoldete Marien-Statue, das Wahrzeichen der Stadt, ist weithin sichtbar – auch vom Meer aus – und wird von den Marseillais „La Bonne Mère – die gute Mutter“ genannt. Die Basilika wurde vom Architekten Henri-Jacques Espérandieu entworfen und am 4. Juni 1864 eingeweiht. Mehr als zwei Millionen Menschen besuchen jährlich die Wallfahrtskirche, deren Wurzeln eine Marienkapelle aus dem 13. Jahrhundert sind. Von der Terrasse aus bietet sich ein großartiges Panorama über Marseille und das Meer. www.notredamedelagarde.fr

Neben der Roman-Trilogie von Jean-Claude Izzo empfehle ich von Manfred Hammes „Durch den Süden Frankreichs“ (Nimbus Verlag). Das Reisebuch gibt dem Leser nicht ganz alltägliche Einblicke in das Gestern und Jetzt von Marseille.

OM, die ewige Skandalnudel

Marseille ist anders. Da liegt es auf der Hand, dass auch der Fußballclub eine Sonderrolle einnimmt. Olympique Marseille, kurz OM genannt, gilt als die Skandalnudel des französischen Fußballs schlechthin. Das liegt vor allem an den radikalisierten Fans. 27.000 Ultras machen dem Gegner im heimischen Stade Vélodrome mit seinen ovalen Tribünen regelmäßig die Hölle heiß. Man komme sich vor „wie ein Koch, den die Gäste mit Bestecken bewerfen“, beschrieb der brasilianische Superstar Neymar (Paris Saint Germain) den Wurfgeschosshagel im Stadion. Aber auch das eigene Team wird nicht geschont. Niederlagen, von denen es in den letzten Jahren viele gab, treiben die Fans auf die Barrikaden. Der letzte Trainer wollte nur noch weg, auch weil ihm die Aggressionen zu weit gingen.

Fußball gehört zum Lebensgefühl. Foto: OTCM

Dabei war Olympique Marseille Anfang der 1990er Jahre eine große Nummer im europäischen Fußball. Fünf Meistertitel 1989 bis 1993 in Serie, wobei der letzte Titel aberkannt wurde, weil OM ein Spiel gekauft hatte. Der Zwangsabstieg war die Folge. Franz Beckenbauer war hier Technischer Direktor, die deutschen Stars Rudi Völler und Klaus Allofs gingen im Vélodrome auf Torejagd, während Andreas Köpke das Tor hütete. 1993 gewann Marseille sogar den Europapokal der Landesmeister. Heute dümpelt das Team im Mittelfeld, weit hinter PSG, Lyon und Lille. Die Fans hält das nicht vom Stadionbesuch ab. Trotz aller Schattenseiten stiftet der Fußball hier Identität, hebt für einen Moment die Unterschiede zwischen arm und reich. Er gehört einfach zum Lebensgefühl dieser aufregenden Stadt.

Rolf Kiesendahl

Metropolregion mit mehr als drei Millionen Menschen

  • Marseille zählt rund 870.000 Einwohner, die stark von Einwanderung, besonders aus dem Maghreb (Tunesien, Algerien, Marokko und Westsahara), geprägt sind. Nach der Unabhängigkeit Algeriens 1962 flüchteten Zehntausende Algerienfranzosen, die „pieds-noirs“, nach Marseille. Für sie wurden Wohnsiedlungen im Stadtnorden gebaut. In der gesamten Metropolregion leben heute mehr als drei Millionen Menschen. Hinter Paris ist Marseille die zweitgrößte Stadt in Frankreich, aber in der Fläche mehr als doppelt so groß. Das Stadterneuerungsprogramm Euromediterranée mit staatlichen und privaten Mitteln für die Wirtschaft bietet gute Perspektiven für die Zukunft.
  • Im zweiten Weltkrieg von November 1942 bis August 1944 war Marseille besetzt von deutschen Truppen. Anfang 1943 wurden große Teile der Altstadt von der Wehrmacht gesprengt. Am 27. Mai 1944 zerstörten amerikanische Bomber die deutschen Militäranlagen. Im August kapitulierten die Deutschen.

2 Kommentare

  1. Ein sehr interessanter Bericht über die Stadt. Wenn wir endlich wieder nach Frankreich reisen dürfen, werde ich einen Besuch einplanen.
    Generell verstärkt die Webseite die Lust zum Verreisen.

    Antworten
  2. Man fühlt sich wie zu Hause. Immer wieder herrlich. Einfach nur toll geschrieben.

    Antworten

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert