Die Hochprovence – Haute-Provence – zwischen dem Luberon im Süden und der Montagne de Lure im Norden gelegen, ist nicht die bei Touristen so beliebte typische Provence mit ihren pittoresken Dörfern, Olivenhainen, Weinfeldern und der mediterranen Landschaft der Côte d’Azur zwischen Marseille und Menton. Die deutlich dünner besiedelte Region besticht durch ihre ursprüngliche und besonders im Winter rauen Natur, die sie umrahmenden Alpengipfel, einem gigantischen Sternenhimmel, stillen Wäldern und tiefen Schluchten. Ein Paradies für Naturliebhaber und Wanderer.
Doch im Sommer, von Mitte Juni bis Mitte August, erlebt die Landschaft ihr blau-violettes Wunder: Der Lavendel blüht. Die Felder gleichen einem wogenden Meer, das mit den Sonnenstrahlen spielt, aber nicht das salzige Aroma des Wassers versprüht, sondern den süßen Duft der Blüten. Jetzt geht es auch in der Hochprovence sehr lebhaft zu: Tausende Touristen genießen dieses Schauspiel, dieses Panorama, diesen Moment der Lavendelblüte, wollen schauen, wollen das betörende wie beruhigende Parfüm tief durch die Nase ziehen. Was sie sehen und riechen ist größtenteils Lavandin, eine Hybride entstanden durch natürliche zufällige Kreuzung des Echten Lavendels mit dem Breitblättrigen Lavendel. Lavendin ist deutlich ertragreicher, preiswerter, wird hauptsächlich als Duftstoff für Seifen und Waschmittel verwendet. Erst in den hohen Lagen ab etwa 800 Metern wird Echter Lavendel angebaut. Sein ätherisches Öl ist erheblich kostbarer und für die hochwertige Parfümherstellung unverzichtbar.

Das berühmteste Lavendel-/Lavendin-Anbaugebiet in der Haute-Provence befindet sich rund um den Ort Valensole, 70 Kilometer nördlich von Aix-en-Provence. Gut 20 Kilometer östlich liegt Manosque, wo die weltweit bekannte provenzalische Parfüm- und Kosmetikmanufaktur L’Occitane ihren Ursprung und Hauptsitz hat. Die Hochebene, Plateau de Valensole, erstreckt sich über 800 Quadratkilometer. Von dort ist der Blick über die scheinbar unendlichen Lavendelfelder atemberaubend. Das beschauliche Valensole mit gut 3200 Einwohnern, 580 Meter hoch gelegen, von Lavendel, Mandelbäumen, Sonnenblumen und Weizenfeldern umgeben, zählt während der Lavendelblüte die meisten Besucher im Jahr. Besonders voll wird es im Juli, wenn traditionell am dritten Sonntag des Monats das Lavendelfest gefeiert wird. Von Valensole aus lassen sich viele malerische Routen durch blühende Lavendelfelder entdecken. Ein Besuch einer der vielen Destillerien am Wegesrand, die in dieser Zeit auf Hochtouren arbeiten, ist lohnenswert.
Bestes Klima für aromatische Kräuter
In der Haute-Provence findet nicht nur der Lavendel beste Voraussetzungen. Im mediterranen Klima mit trockenen heißen Sommern – in den Hochlagen auch sehr kalten, ungemütlichen Wintern – gedeihen zahlreiche aromatische Kräuter wie Thymian, Rosmarin, Bohnenkraut, Basilikum, Salbei, Majoran, Kerbel, Liebstöckel, Oregano, Estragon und viele, viele mehr. Ihr würziges Bouquet ist vor allem zu den Blütezeiten im Frühling ein olfaktorischer Sinnesgenuss. So wachsen in dieser Region auch die meisten Kräuter für den bekannten provenzalischen Anis-Schnaps, den Pastis. In Forcalquier, einem Bergdorf mit dem robusten Charme der rustikalen Altstadt, ist Heimat der Distilleries et Domaines de Provence. Dort wird nach einem geheimen Rezept der Familie der unter Gourmets weltweit hoch geschätzte Pastis Henri Bardouin aus mindestens 65 verschiedenen Kräutern gebrannt.



Die Haute-Provence bietet nicht nur für Sternegucker ein effektvolles nächtliches Schauspiel. Über ihr breitet sich der klarste und dunkelste Himmel über Europa aus. Es gibt so gut wie keine Lichtverschmutzung. Die Nächte sind tief schwarz. Die Sterne strahlen am Himmel wie funkelnde Diamanten. Der Beobachter hat das Gefühl, er müsse nur den Arm ausstrecken und könne sie vom Firmament pflücken. Sie scheinen zum Greifen nah. Es ist ein einzigartiges Erlebnis. Die Wunder des Nachthimmels können auch in der Sternwarte mit den drei großen Spiegelteleskopen beobachtet. Das Saint-Michel-l’Observatoire befindet sich zwischen Forcalquier und Manosque.
Heiße Quellen und eine der tiefsten Schluchten Europas
Sehenswerte Orte in der Haute-Provence, die einen Zwischenstopp lohnen, gibt es einige. Knapp 500 Meter über dem Flusslauf der Durance thront Sisteron mit der imposanten Zitadelle. Der kleine Ort ist eine wichtige Station auf der Route Napoléon. Der Kurort Digne-les-Bains ist wegen seiner heißen Quellen ebenso bekannt wie das mittelalterliche Moustiers-Sainte-Marie für seine Fayencen. Den köstlichen in ein Kastanienblatt gewickelten Ziegenkäse Banon verkostet man am besten in dem gleichnamigen idyllischen Dorf. Castellane ist je nach Richtung Ausgangs- oder Endpunkt der Straße, die längst der Schlucht Verdon, der Gorges du Verdon, entlang führt. Der Fluss Verdon hat sich dort in den Kalkstein gegraben. Die spektakuläre Schlucht ist eine der tiefsten Europas und wird deshalb auch Grand Canyon genannt. Wandern, Klettern, Kajakfahren und viele Abenteuer mehr sind dort möglich. Von der schmalen, nicht ungefährlichen Straße rechts und links des Canyons fällt der Blick bis 700 Meter hinunter auf türkisblaues Wasser. Grandios! Der Verdun mündet in den Lac de Sainte-Croix, Der viertgrößte Stausee Frankreichs ist ebenfalls ein beliebtes Freizeitziel. Baden und Surfen sind ebenso erlaubt wie das Befahren mit Segel- und Elektrobooten.

Schriftsteller des Südens: Giono und Magnan
Eine Reise durch die Haute-Provence ist das absolute Kontrastprogramm zur übrigen Provence: teils unberührte Natur, Flora und Fauna wie sie zwischen Avignon und Arles, im Luberon sowie an der Côte d’Azur nicht zu finden sind. Stille und Einsamkeit wirken inspirierend. Ein Gefühl für diese unverwechselbare Landschaft vermitteln die großen Schriftsteller des französischen Südens. Für die Hochprovence ist das vor allen Jean Giono (1895-1970), der sein ganzes Leben in Manosque verbrachte. Seine naturverbundenen Werke spielen häufig in dieser Region. In seinem Buch Provence finde, wer die Provence kenne, was er brauche, um sie neu zu entdecken. Und wer sie nicht kenne, werde sie lieben lernen, so der Verlag Matthes & Seitz, Berlin. „Giono gelang mit diesem Buch eine sinnliche literarische Einladung zu einer Reise in eine der interessantesten Landschaften Europas.“
Ganz anders stimmt Pierre Magnan, 1922 in Manosque geboren, auf die zuweilen raue Natur der Hochprovence ein. Seine Kriminalgeschichten mit Commissaire Laviolette (Fischer Verlag) versetzen den Leser einige Jahrzehnte zurück, verleihen im Gänsehaut und das Gefühl, etwas Authentisches zu erleben. Magnan lebte bis kurz vor seinem Tod (2012) in Forcalquier. Er starb in Voiron nördlich von Grenoble.


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